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Nike Vaporfly 4% Flyknit – Erfahrungen eines Hobbyläufers mit einem Eliteschuh

  • 10.05.2019

Ihr denkt jetzt bestimmt „na super, noch ein Nike Vaporfly 4% Test – das hat gerade noch gefehlt“. Aber nachdem ich mit dem Nike Zoom Fly und auch dem Zoom Fly SP wider Erwarten extrem gut im Training zurecht gekommen bin, hast es mich gereizt zu testen, ob mich der Vaporfly 4% genauso positiv überrascht. Dabei bin ich mir durchaus bewusst, dass dieser Schuh nicht für Durchschnittsläufer wie mich entwickelt wurde. 

Aber es war erst einmal eine Herausforderung, überhaupt einen Nike Vaporfly 4% zu bekommen. Nike arbeitet hier sehr geschickt mit künstlicher Verknappung und wann immer der Schuh in einem Onlineshop auftauchte, waren die gängigen Größen innerhalb weniger Stunden vergriffen. Aber wo ein Wille ist (und 250 Euro) ist auch ein Weg.

Versuch Nr. 1 fand durch Zufall in Prag statt. Direkt gegenüber meinem Hotel lag ein Laufshop, der (unglaublich) die originale non-Flyknit Version des Vaporfly 4% auf Lager hatte. Allerdings fühlte sich der Schuh beim normalen Gehen so instabil an, dass ich nicht guten Gewissens 250 Euro dafür ausgeben wollte.   

Versuch Nr. 2 verlief auch nicht glücklich. Bei Nike trage ich meistens die Größe US 11.5, in Wettkampfschuhen manchmal auch US 12. Im Internet fanden sich etliche Berichte, nach denen der Schuh sehr klein ausfällt. Also habe ich einen Vaporfly 4% Flyknit in der Größe US 12 bestellt. Meine Enttäuschung war umso größer, als ich feststellen musste, dass mir der Vaporfly in US 12 wesentlich zu groß war, und US 11.5 war natürlich schon wieder vergriffen.

Versuch Nr. 3 war dann erfolgreich und jetzt besitze ich einen leuchtend roten Nike Vaporfly 4% Flyknit. Eine unauffälligere Farbe wäre mir lieber gewesen, denn der Schuh ist sehr auffällig und signalisiert eindeutig, dass der Träger 250 Euro für Laufschuhe ausgibt. 

Meine persönliche Meinung zu dem zugegebenermaßen exorbitanten Preis ist allerdings recht entspannt. Wettkampfschuhe waren zu Beginn meiner Laufkarriere auch relativ teuer, wenn ich mich richtig erinnere kosteten der Nike Mariah oder der Nike Air Edge Anfang der 80er Jahre über 200 DM. Das dürfte inflationsbereinigt nicht weniger sein als 250 EUR heute. Bei einer geschätzten Lebensdauer von 300 bis 400 km würde der Vaporfly 4% alle Wettkämpfe und etliche Tempodauerläufe einer Saison überleben, da sind andere Sportarten wesentlich teurer.

Design, Konstruktion und ein paar Daten

Das Design des Vaporfly 4% Flyknit in rot ist zwar auffällig, gefällt mir aber trotzdem sehr gut - der Schuh sieht einfach schnell aus. In der Zwischenzeit gibt es den Vaporfly auch in Dunkelblau, vielleicht die bessere Wahl, wenn man es dezenter mag.

Der Vaporfly 4% Flyknit sieht anders aus, als man es von einem Wettkampfschuh erwartet. Das Obermaterial sieht aus wie gestrickt, als hätte Nike eine Socke auf die Mittelsohle geklebt. Und so fühlt sich der Vaporfly auch beim ersten Hereinschlüpfen an. Es gibt keine klassische Fersenkappe, aber das Flyknitmaterial scheint hier etwas dichter (und damit steifer) zu sein.

 

Die Mittelsohle ist erstaunlich dick, 31mm im Rückfuß und 21mm in Vorfuß, d.h. mit einer klassischen Sprengung von 10mm. In der Mittelsohle verbirgt sich auf voller Länge eine dünne Karbonfaserplatte, die den Schuh in Längsrichtung extrem steif macht.

Das Mittelsohlenmaterial nennt Nike ZoomX, dieses Material wurde zuerst nur im Vaporfly verwendet, inzwischen ist der Nike Pegasus Turbo auch mit einer Mittelsohle aus dem ZoomX Material ausgestattet. Dabei handelt es sich um ein Pebax-Material, welches sich durch eine extrem hohe Energierückgabe auszeichnet. Vereinfacht gesagt wird die Aufprallenergie nicht einfach vernichtet, sondern beim Abrollen wieder freigegeben.

In Labortests schnitt der Vaporfly durch die Kombination aus Mittelsohlenmaterial und Karbonfaserplatte laut Nike „im Hinblick auf die Laufeffizienz etwa 4 % besser ab als der Zoom Streak 6, der bis zu diesem Zeitpunkt als schnellster Marathonschuh von Nike galt.“.

Eine sehr interessanter Artikel mit realen Daten findet sich hier: https://www.wired.com/story/do-nike-zoom-vaporfly-make-you-run-faster/

Die Außensohle ist genauso aufgebaut wie bei allen Vaporfly und Zoom Fly Modellen. Im Vorfuß befindet sich eine durchgehende Außensohle, die allerdings wenig Profil aufweist und in deren kleinen Rillen sich lieben gerne Steinchen einnisten. Im Fersenbereich gibt es nur ein paar Gummiverstärkungen, wie man das schon von den Lunaracer und Lunartempo Modellen kennt.   

 In meiner Größe US 11,5 wiegt der Vaporfly 4% Flyknit 227g, was eigentlich nicht besonders leicht ist für einen Wettkampfschuh. Im Vergleich liegt z.B. der Reebok Floatride Run Fast bei 225g und bietet einen ähnlichen Komfort. 

Der Praxistest – dieser Schuh ist anders

Als das langersehnte Paket angekommen ist, bin ich im Büro natürlich sofort in die Schuhe geschlüpft. Größe US 11.5 passt mir perfekt, und die Passform des Flyknit-Schafts ist hervorragend. Ich musste allerdings etwas mit der Schnürung experimentieren, weil der Fersenhalt sich etwas locker angefühlt hat. Anfangs habe ich die Schuhe etwas zu fest geschnürt, das richtige Rezept scheint zu sein, nur geringfügig fester zu schnüren als das elastische Obermaterial den Fuß sowieso schon hält.  

Spontan hat mich eigentlich nur gestört, dass die eingeklebte Einlegesohle im Mittelfußbereich sehr schmal ist und ich unter dem Fußgewölbe eine richtige Kante gespürt habe. Ich habe genau dieselbe Erfahrung schon einmal mit dem Nike Zoom Streak 6 gemacht, damals habe ich einfach die eingeklebte Einlegesohle mit sanfter Gewalt entfernt und durch die eines alten Nike Spider LT ersetzt und das Problem war gelöst. Also habe ich meinen Mut zusammengenommen und gehofft, dass ich keine 250 Euro bei dem Versuch zerstöre, die auch beim Vaporfly eingeklebte Einlegesohle zu entfernen. Das ging aber ganz problemlos und mit einer breiteren Einlegesohle fühlt sich der Schuh perfekt an.

Als langjähriger Läufer bekomme ich eigentlich schon beim Herumlaufen einen guten Eindruck von einem Laufschuh, nicht so beim Vaporfly. Beim normalen Gehen fühlt er sich komisch an, sehr weich und auch etwas instabil. Also habe ich den Vaporfly 4% Flyknit vor dem ersten Wettkampfeinsatz bei zwei Tempodauerläufen getestet. 

Beim langsamen Einlaufen fühlt sich der Schuh für meinen Geschmack zu soft an. Als Fersenläufer habe ich das Gefühl, beim Auftreten richtig in die Sohle einzusinken. Bei höherem Tempo zeigt der Vaporfly 4% unvermittelt seine wahren Talente, extrem dynamisch und gleichzeitig komfortabel. Außerdem wird die Stabilität bei höherem Tempo besser. Erstaunlicherweise habe ich beim schnellen Laufen überhaupt nicht gespürt, wie steif der Schuh durch die Karbonfaserplatte in der Mittelsohle ist. Viele Läufer berichten beim Laufen in dem Vaporfly 4% von einem regelrechten Vortrieb, ich finde den Schuh bei hohem Tempo dagegen sehr unauffällig – eine geglückte Mischung aus Ferrari und S-Klasse (ich weiß, der Vergleich hinkt).  

Welchen Sinn hat also die Karbonfaserplatte in der Mittelsohle? Einen Trampolineffekt kann ich beim besten Willen nicht spüren und da ich kein Biomechaniker bin, spekuliere ich jetzt mal munter drauf los. Das Material der Mittelsohle ist extrem weich, was üblicherweise zu Instabilität führt, nicht nur im Fersenbereich sondern auch beim Abdruck im Ballenbereich. Meines Erachtens verbessert die Karbonfaserplatte entscheidend die Stabilität des Schuhs während der Abrollphase, vor allem beim Abdruck. Außerdem ist ein so weicher Schuh oft nicht formstabil und sieht mit der Zeit wie eine „Banane“ aus.

Und natürlich folgt jetzt die unvermeidliche Frage: laufe ich mit dem Vaporfly 4% schneller? Ich war tatsächlich bei den beiden Tempodauerläufen ein paar Sekunden pro Kilometer schneller als geplant, aber das schiebe ich eher auf den „schneller Schuh“-Effekt. Mir geht es nämlich immer so, dass ich beim ersten Lauf mit einem neuen Wettkampfschuh unbewusst schneller laufe als geplant. Allerdings habe ich die muskuläre Ermüdung als geringer empfunden, was ich auf die äußerst komfortable Dämpfung zurückführe.

Mein erster Wettkampf mit dem Vaporfly war der diesjährige DAK Halbmarathon in Saarbrücken und auch hier war ich etwas schneller als erwartet, allerdings waren die Bedingungen ideal (und ich habe auch gut trainiert). Beim Halbmarathon in Kandel war ich bei schlechten Bedingungen noch einmal schneller und hier war vor allem interessant, dass die relativ glatte Außensohle auch genug Grip auf nassem Asphalt hat. 

Eigentlich hat der Schuh nur zwei Schwachpunkte (neben dem Preis). Die Schnürsenkel sind beim besten Willen nicht so zu schnüren, dass sie nicht von selber aufgehen. Ich musste trotz Doppelknoten bei meinem ersten Lauf zweimal stehenbleiben und mir die Schuhe binden. Die eingeklebte Innensohle ist im Mittelfußbereich viel zu schmal und dazu noch platt und ohne jede Kontur und mit einer anderen Innensohle (sogar von Nike) war das Problem wie schon beschrieben gelöst.   

Und wenn ich einen grundsätzlichen Designwunsch äußern könnte, würde ich mir die Mittelsohle auf ganzer Länge um 3-4mm dünner wünschen und das eingesparte Material für etwas mehr Stabilität im Mittelfuß- und Fersenbereich einsetzten – denn für Läufer mit stärkeren Pronationsproblemen ist der Schuh leider nicht geeignet.

Und wie sieht es nach einigen Laufkilometern aus?

Nach inzwischen ca. 100 schnellen Kilometern auf Asphalt zeigt die Außensohle vor allem an Außenkante der Ferse einen deutlichen Verschleiß. Das betrifft weniger die mit schwarzem Gummi verstärkten Stellen, sondern das ZoomX Material der Mittelsohle. Unter der dünnen Außenschicht kam schon nach den ersten 50km deutlich das eigentliche Dämpfungsmaterial zum Vorschein. Das scheint aber eher ein kosmetischer Makel zu sein, denn nach weiteren 50 Kilometern sieht der Verschleiß immer noch ganz ähnlich aus. Ich nehme an, dass die Gummiverstärkungen in die extrem weiche Mittelsohle einsinken und deswegen eher das Mittelsohlenmaterial Abrieb zeigt als die Verstärkungen. 

Die Dämpfung selbst zeigt noch keine sichtbaren Ermüdungserscheinungen, aber das wäre nach so wenigen Kilometern auch zu früh. Allerdings erwarte ich, dass die Mittelsohle der begrenzende Faktor für die Lebensdauer sein wird.

Das Flyknit-Obermaterial scheint sehr unempfindlich zu sein und lässt sich mit Bürste und klarem Wasser auch problemlos reinigen. Insgesamt sieht der Schuh auch nach 100 Kilometern noch fast aus wie neu. 

  • Dämpfung
    sehr wenig sehr viel
  • Stabilität
    sehr wenig sehr viel
  • Dynamik
    wenig viel
  • Untergrund
    • Bahn
    • Straße
    • Wald
    • Trail

Fazit

Ich laufe extrem gerne in dem Vaporfly 4% Flyknit, der Schuh ist definitiv meine Erste Wahl für Straßenläufe bis Halbmarathon. Bei einer sehr kurvigen Strecke mit vielen Unebenheiten würde ich allerdings den Reebok Floatride Run Fast bevorzugen, da er etwas stabiler ist und man nicht so hoch in ihm steht.

Nike hat mit dem Vaporfly 4% Flyknit den Wettkampschuh für Straßenläufe neu definiert. Während andere Hersteller auf minimalistische Designs setzen, setzt Nike auf extreme Dämpfung und ein innovatives Sohlenkonzept. Der Schuh wurde zwar eigentlich für Spitzenläufer entwickelt, bietet aber auch für eine breitere Läufergruppe eine einzigartige Kombination aus Leichtigkeit und Komfort. Die Mittelsohle aus ZoomX Material mit dessen hoher Energierückgabe und integrierter Karbonfaserplatte bietet eine überragende Dämpfung ohne schwammig zu wirken, allerdings nur für Läufer ohne ausgeprägte Pronationsprobleme.

 Inzwischen ist es auch etwas leichter geworden, den Vaporfly 4% Flyknit zu kaufen, wenn einen der hohe Preis nicht abschreckt.

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