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Ricochet 2 im Test

Die Firma Brooks gehört zu den Pionieren der Laufschuhhersteller und Modelle wie der Chariot genossen in den frühen 80er Jahren einen legendären Ruf. Für mich gehörten Brooks Schuh mit ihren vielen Overlays und dem sehr konservativen Design lange Jahre allerdings eher zu älteren Amerikanern auf Europareise (ja ich weiss, politisch nicht korrekt). Aber Brooks hat das wohl selber erkannt und vor einiger Zeit das Design der Laufschuhpalette erheblich aufgefrischt.

Vor 3 Jahren bin ich dann auf der Suche nach einem leichten stabilen Schuh schon einmal auf den Ravenna 6 gestoßen (Test gibt es hier: https://www.shop4runners.com/blog/cat/testberichte/post/test-brooks-ravenna9/) und später habe ich mir aus der Not heraus den Brooks Revel 3 gekauft, als ich auf einer Reise festgestellt habe, dass ich meine Laufschuhe vergessen hatte. Dieser Schuh war übrigens eine sehr erfreuliche Überraschung und ist ein fester Teil meiner Laufschuh-Rotation geworden.

Außerdem war Brooks die erste Firma, die nach Nike den Prototyp eines Carbonracers entwickelt hat, mit dem z.B. Des Linden 2018 den Boston Marathon gewonnen hat.    

Deswegen habe ich mich auf den Test des Brooks Ricochet 2 durchaus gefreut, obwohl es kein Modell ist, welches im Netz oder bei anderen Blogs oder Tests besonders präsent ist. Warum das so sein könnte - darüber später mehr.


Einstieg

 

Design und Konstruktion - die harten Fakten

Das Design des Brooks Ricochet 2 ist für meinen Geschmack sehr gelungen, obwohl ich eigentlich hellere Farben mag und es das Herrenmodell nur in Dunkelblau und Schwarz gibt. Aufgepeppt wird die Optik durch die silberglänzende Schicht DNA AMP in der Zwischensohle.

Das Obermaterial nennt Brooks Flat-Knit, ein gestricktes Material mit integrierter Zunge und ohne jegliche Overlays, selbst das Brooks Logo ist nur aufgedruckt. Der Fersenbereich ist allerdings fast klassisch stabil, obwohl es keine sichtbare Fersenkappe gibt. Die Kombination aus perfektem Sitz gepaart mit exzellentem Fersenhalt habe ich bisher so bei noch keinem anderen Hersteller gesehen – einfach super!

Wie bei Brooks üblich macht die herausnehmbare Innensohle einen sehr hochwertigen Eindruck und ist gut konturiert. Die Mittelsohle besteht laut Brooks aus DNA AMP und BioMoGo DNA, wobei das erstere eine sehr hohe Energierückgabe bieten soll. Der Brooks Webseite ist nicht zu entnehmen, für was diese merkwürdigen Abkürzungen stehen.

Etwas schwierig wird es, den Einsatzzweck des Ricochet 2 herauszufinden. Der Schuh wird unter der Kategorie „Neutral, Energize“ geführt, was sich für mich anhört wie ein Schuh für schnellere Einheiten. Die nachfolgende schöne Beschreibung „Federnde DNA AMP verleiht diesem Laufschuh für Herren einen Gang voller Energie“ hilft dann leider nicht viel weiter!

Diese etwas unklare Beschreibung schlägt sich auch in den reinen technischen Daten nieder. In meiner Größe US 11.0 wiegt der Ricochet 2 298g, womit er heutzutage nicht mehr als Lightweight-Schuh durchgeht. Die Sprengung beträgt 8mm ohne weitere Angaben zur Sohlendicke, aber meine Schieblehre zeigt ca. 27mm in der Ferse und 19mm im Vorfußbereich.

Die Außensohle ist leicht strukturiert mit einem Profil, welches primär für den Einsatz auf Straße und harten Untergründen ausgelegt ist, sich bei mir aber durchaus auch auf Waldwegen usw. bewährt hat. Die Gummimischung scheint recht hart zu sein und ggf. trägt das auch zu meinem unten beschriebenen Laufgefühl bei.


Optik


Passform und Laufgefühl - von den Fakten zur Praxis

Mein erster Eindruck des Ricochet 2 war sehr positiv. Die Passform ist exzellent, allerdings eher geeignet für schmale Füße. Der Schaft umschließt den Fuß im Fersen- und Mittelfußbereich wie eine Socke mit einem weichen Schaftrand ohne jegliche Reibung. Trotzdem bietet der Fersenbereich genug Halt und Stabilität. Hier ist der Ricochet 2 für mich ein absoluter Gewinner und in dieser Hinsicht sogar noch einen Tick besser als Nike‘s Flyknit (sonst einer meiner Favoriten, was das Obermaterial angeht).

Obwohl Brooks den Ricochet 2 als Straßenlaufschuh positioniert, ist die Dämpfung für meinen Geschmack eher straff, sogar noch etwas fester als der oft als hart bezeichnete Adidas SL20. Dieses Gefühl hat sich auch beim Laufen bestätigt, was sowohl ein paar Vorteile wie auch Nachteile hat.

Durch die Kombination des exzellenten Schafts und der sehr stabilen Sohlenbasis läuft man mit dem Ricochet 2 wie auf Schienen, obwohl die Mittelsohle über keinerlei Elemente zur Pronationskontrolle verfügt. Ich würde ihn jederzeit für längere Läufe auf Waldwegen wählen, da die Außensohle hier genug Traktion bietet und das geniale Obermaterial den Fuß auch bei Unebenheiten sicher hält.

Allerdings ist mir der Ricochet 2 persönlich für lange Läufe auf der Straße etwas zu hart und „platscht“ bei jedem Schritt auf den Asphalt. Ggf. trägt zu diesem Eindruck auch die recht harte Außensohle bei, für einen Laufschuh mit dem Einsatzzweck Straße hätte ich mir hier eher ein weicheres geschäumtes Material gewünscht.

Trotzdem hat sich der der Ricochet 2 bei einigen intensiven Dauerläufen auf der Straße wesentlich dynamischer gelaufen, als es das Gewicht von fast 300g vermuten lässt. Ich vermute, dass hier das DNA AMP Material positiven Einfluss hat.    


Schaft


Um euch die Charakteristik des Ricochet 2 ein bisschen besser zu beschreiben, habe ich ihn mal mit ein paar Laufschuhmodellen in meiner Rotation verglichen, denen er meines Erachtens sehr nahekommt.

Adidas SL20: beide Schuhe haben ein sehr ähnliches Laufgefühl und Stabilität, aber der Adidas SL20 kann mit niedrigerem Gewicht und einer besseren Dämpfung punkten, während der Ricochet 2 mit Abstand das bessere Obermaterial hat.

Nike Pegasus 36: nach meinem ersten Lauf mit dem Ricochet 2 habe ich gedacht „der fühlt sich wie ein Pegasus Flyknit an“. Beide haben ein ähnliches Laufgefühl und Gewicht, der Pegasus 36 ist etwas besser gedämpft und wieder punktet der Ricochet 2 mit seinem tollen Schaft.

Reebok Floatride Forever Energy: beide Schuhe haben ein ähnliches Gewicht und eine neutrale und trotzdem stabile Plattform, aber der Floatride Forever hat einfach die bessere Dämpfung (ist übrigens mein Geheimtipp).

Brooks Revel 3: hier wird es überraschend – der Revel 3 ist leichter als der Ricochet 2, wesentlich besser gedämpft und erheblich günstiger. Allerdings ist der Ricochet 2 stabiler und hat das bessere und hochwertigere Obermaterial.   

Ich würde den Ricochet 2 am besten als dynamischen Allrounder mit eher straffer Dämpfung beschreiben, der eine überragende Passform und ein dynamisches Laufgefühl bietet.


Sohle


Haltbarkeit - wie sieht es nach einigen Laufkilometern aus?

Der Ricochet 2 sieht nach inzwischen ca. 100km auf Asphalt und festen Wegen noch aus wie neu und zeigt keinerlei Verschleiß (die Bilder sind nach dem Test entstanden). Das Obermaterial scheint nicht auszuleiern und die Außensohle ist ohne jeglichen Abrieb an den besonders beanspruchten Stellen.

Ich hoffe, dass die Mittelsohle sich noch etwas einläuft, aber sie wird sicher nicht die Lebensdauer vorzeitig beeinflussen.

Alles in allem gehe ich davon aus, dass der Ricochet 2 für viele Trainingskilometer gut ist. Üblicherweise schicke ich meine Schuhe mit ca. 800km in den Ruhestand, und diese Laufleistung traue ich ihm auch zu.


Mein persönliches Fazit 

Der Ricochet 2 ist ein gut gelungener Schuh von Brooks, aber meines Erachtens ohne einen ganz klar definierten Einsatzbereich. Er hat fast alle Zutaten für einen exzellenten und dynamischen Allrounder, aber hierfür könnte er etwas besser gedämpft sein, vor allem für den angepeilten Einsatz auf der Straße.

Würde Brooks es dann noch schaffen, das Gewicht um 30-40g zu reduzieren, wäre der Ricochet ein Lightweighttrainer mit einer überragenden Passform, der sich vor einem Pegasus Turbo oder Adidas SL20 nicht zu verstecken bräuchte.

Aktuell empfehlen würde ich ihn Läufern, die sich von schwereren und stabileren Laufschuhmodellen in Richtung dynamischer Modelle entwickeln wollen, oder für Fans des Pegasus 36, die eine exzellente Passform und eine etwas straffere Dämpfung schätzen.