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Hyperion Tempo im Test

Von Beginn meiner läuferischen Karriere an, haben Laufschuhe und insbesondere deren schnelleren Vertreter, die Wettkampf- bzw. Tempolaufschuhe eine besondere Begeisterung in mir ausgelöst. Das Design, die mit diesen Schuhen verbundenen Leistungen meiner sportlichen Vorbilder und nicht zuletzt natürlich auch die technischen Details haben dazu beigetragen, dass ich heute über eine stolze Sammlung verfüge, welche ein gutes Abbild der Entwicklungen dieser Schuhkategorie darstellt. Mein heutiger Testkandidat hört auf den Namen Brooks Hyperion Tempo und kommt mit einer Mittelsohle aus dem DNA Flash-Material daher - der neuesten Entwicklung des Herstellers aus Seattle, USA. Damit war mein Interesse natürlich geweckt - sowohl aus technischer als auch persönlicher Perspektive.


Einleitung


Einordnung ins Sortiment und Wettbewerbsumfeld

Der Brooks Hyperion Tempo wurde im Frühjahr 2020 vorgestellt und stellt somit einen der neusten Vertreter aus dem Hause Brooks dar. Zur gleichen Zeit erschien mit dem Hyperion Elite auch der erste mit einer Carbonplatte ausgestattete Wettkampfschuh von Brooks, was den Zusammenhang zwischen den Mittelsohlen-Materialien und den Carbonplatten erneut deutlich macht. Während der Hyperion Elite also ganz klar als reiner Wettkampfschuh positioniert ist, erscheint der Hyperion Tempo als Grenzgänger zwischen den Kategorien. Das Tempo im Name macht dabei deutlich, was Brooks mit diesem Schuh eigentlich bieten möchte: eine trainingstaugliche Alternative zum reinen Wettkampfschuh, welche aber eine Sache besonders gut können soll: Tempo! Früher als Lightweight-Trainer bezeichnet, hat sich diese Kategorie in der letzten Zeit eigentlich fast aufgelöst - die neuen Materialien ermöglichen oftmals einen beeindruckenden Spagat zwischen Komfort und Geschwindigkeit, womit reine Trainingsschuhe eigentlich alles können, was die früheren Lightweight-Trainer auch konnten. Dennoch positioniert Brooks den Hyperion Tempo intern bewusst in der Kategorie Speed, was einen starken Fokus auf die höheren Geschwindigkeiten deutlich macht. Während ich später darauf eingehen werde, ob der Schuh diese Erwartungen erfüllen kann, ist es zunächst einmal interessant, mit welchen Alternativen er sich dabei messen muss. Im eigenen Sortiment steht er mittlerweile relativ souverän dar. Gab es mit dem Brooks Hyperion (ohne Zusatz!) bereits einen leichten und eher klassischen Wettkampfschuh im Sortiment, wurde dieser - ebenso wie der Brooks Asteria, einem ehemaligen Lightweight-Trainer - zu Beginn dieses Jahres eingestellt. Da der Brooks Launch zwar auch sehr leicht und dynamisch erscheint, in seiner neuesten Auflage aber eher als klassischer Trainingsschuh ausgelegt wurde, scheint Brooks diese Lücken mit dem Hyperion Elite und Tempo füllen zu wollen. Herstellerübergreifend sind die Konkurrenten mit dem Nike Zoom Pegasus Turbo 2, Adidas SL20, Saucony Kinvara, New Balance FuelCell Rebel, Asics Novablast, Hoka One One Rincon 2 oder auch On Cloudflow stark aufgestellt - wobei es natürlich noch weitere Alternativen gibt und an dieser Stelle nur die ähnlichsten Modelle aufgezählt werden sollen. Es sollte aber deutlich sein, welche Rolle der Hyperion Tempo erfüllen möchte - ob er das auch kann, wird der Praxistest zeigen.


Einordnung


Design und Technische Daten

Ein entscheidender Punkt bei der Auswahl eines Laufschuhs ist selbstverständlich das Design. Erfreulicherweise präsentiert sich der Hyperion Elite in dieser Hinsicht sehr modern und frisch. Die Mittelsohle aus dem bereits erwähnten DNA Flash-Material erscheint in einem kühlen blau und insgesamt sehr stromlinienförmig. Außer der kleinen Aufschriften „Hyperion Tempo“ und „DNA Flash“ finden sich hier keine störenden Details, was in Kombination mit der Farbe für eine einprägsame Erscheinung sorgt. Auch wenn dies natürlich ein sehr subjektives Kriterium ist, finde ich den Hyperion wirklich gelungen! Das Obermaterial wurde ebenso schlicht gehalten - abgesehen von den ebenfalls kühl-blauen Details, gibt es hier nur wenige Designelemente, welche das reduzierte Äußere stören könnten. Auch wenn dies nahelegt, dass die Funktion im Vordergrund steht, haben die Designer an dieser Stelle einen guten Job gemacht!

Rein technisch handelt es sich bei DNA Flash übrigens um die bekannte DNA-Mittelsohle von Brooks, in welche bei der Produktion Stickstoff eingebracht wurde. Damit verringert sich natürlich die Dichte des Materials und somit auch gleichzeitig das Gewicht - die Rückstellkräfte dagegen erhöhen sich, was eine verbesserte Energierückgabe verspricht. Die Geometrie des Schuh kommt dabei eher traditionell daher: 8 mm Sprengung, 26 mm Höhe im Rückfuß, 18 mm im Vorfuß. Da der Hyperion Tempo über keine stabilisierenden Elemente verfügt, handelt es sich um einen neutralen Laufschuh. Allerdings bietet er durch großflächige und durchgehende Außensohle eine gewisse Grundstabilität, was zwar keine wirklich Pronation verhindern kann, ihn für milde Pronierer aber dennoch in manchen Situationen interessant machen kann. Mehr dazu aber später, wenn es um die Zielgruppe geht!

Die etwas dünne Einlegesohle des Hyperion Tempo lässt sich herausnehmen, womit er sich auch für das Tragen orthopädischer Einlagen eignet. Auf der Unterseite findet sich eine Außensohle aus strategisch platziertem Vollgummi im gesamten Vor- und Rückfußbereich, welche über ein dezentes Profil verfügt. Im Mittelfußbereich dagegen bildet der Schaum gleichzeitig die Außensohle, was Gewicht spart und verdeutlicht, dass auch hier keine zusätzlichen Elemente verbaut wurden. Im Grunde besteht der Hyperion Tempo aus einer Mittelsohle und einem Obermaterial - das reduzierte Design setzt sich also auch hier fort. Mit 205 Gramm in Größe US 8,5 (EU 42) handelt es sich übrigens tatsächlich um ein wirkliches Leichtgewicht. Ob er sich auch so läuft? Ich nehme es vorweg - er steht zu seinem Namen!


Daten


Passform und Tragegefühl

Tempo! Das ist es, was mir bei der ersten Anprobe in den Sinn kommt. Der Hyperion Tempo fühlt sich definitiv eher nach Wettkampfschuh als nach Trainingsschuh an. Die Passform ist schmal, das Obermaterial eng anliegend und natürlich macht sich auch das niedrige Gewicht sofort bemerkbar. Im Gegensatz dazu erscheint die Zehenbox allerdings angenehm luftig und auch in der Größe passt der Schuh dann doch eher wieder wie ein Trainingsschuh. Meine übliche Größe US 8,5 ist auch hier die richtige Wahl - der Hyperion Tempo fällt ganz normal aus. Wirklich interessant wird es dann aber bei der Mittelsohle: der erste Kontakt zum neuen DNA Flash und es scheint nicht der letzte gewesen zu sein! Angenehm weich, aber im Vergleich zu anderen Materialien auf dem Markt dann doch wieder etwas straffer. Ich habe mir bei einem meiner Testläufe überlegt, wie ich dieses Gefühl am besten beschreiben kann und am einfachsten wird dies wohl durch den Vergleich mit zwei Konkurrenzprodukten. Während z.B. Adidas Boost sehr reaktiv ist und die eingebrachte Energie bei Belastung ähnlich eines Flummies relativ schnell zurückgibt, bietet Nike ZoomX einen vergleichsweise großen „Federweg“, ähnlich eines Marshmellos. Das heißt, dass der Fuß relativ schnell weit einsinkt, bevor es wirklich zu einer Reaktion kommt. DNA Flash stellt gewissermaßen einen Mittelweg dar: der Fuß sinkt beim Aufprall schon relativ schnell in das Material ein, allerdings „verfestigt“ es sich dann gefühlt und gibt die eingebrachte Energie wieder ab. Dies macht sich auch schon bei der ersten Anprobe bemerkbar. Während der Schuh beim Auftreten sehr weich erscheint, bietet er beim Abrollen dennoch ein sehr definiertes und etwas strafferes Gefühl. An dieser Stelle entspricht der Hyperion Tempo also schon einmal den Erwartungen: Tempo und Komfort - das Beste aus zwei Welten mit dem eindeutigen Tragegefühl eines Wettkampfschuhs. Begeistert von diesem ersten Eindruck, konnte ich es nicht erwarten, zum ersten Mal seit 10 Jahren mit einem Brooks-Schuh auf meine Laufstrecken zu gehen. 


Passform


Performance

Die besten Werte und Technologien bringen wenig, wenn am Ende das Laufgefühl nicht stimmt. Und somit war es an der Zeit, den Hyperion Tempo einem ausgiebigen Test zu unterziehen: Dauerläufe auf der Straße, ein Ausflug in den Wald und letztendlich sogar Tempoläufe auf der Bahn. Zum Zeitpunkt dieses Testberichts bin ich nun stolze 102 km mit dem Hyperion Tempo gelaufen und um es vorweg zu nehmen - ich wurde nicht enttäuscht. Wie bereits beschrieben, bietet der Hyperion Tempo einen beeindruckenden Spagat zwischen Trainings- und Wettkampfschuh. Mein erster Lauf führte mich am Tag nach einer harten Trainingseinheit in Spikes auf der Bahn auf asphaltierten Radwegen am Düsseldorfer Rheinufer entlang. Nach 15 km konnte ich festhalten, dass die Kombination aus moderater 8 mm-Sprengung und weicher Mittelsohle eine Wohltat für die Beine war. Keine Beschwerden, kein Muskelkater - einfach ein lockerer Lauf, bei welchem ich das Gefühl hatte, dass die Schuhe meine Beine in gewisser Weise muskulär entlasten - ein Gefühl, welches ich übrigens auch schon beim Nike ZoomX-Schaum hatte. Am folgenden Tag musste ich natürlich nicht lange überlegen, zu welchem Schuh ich bei meinem geplanten langen Lauf greifen werde. Aufgrund der hohen Temperaturen führte es mich und den Hyperion Elite schließlich 25 km über verschiedenste Waldwege und auch das funktionierte ohne Probleme. Lobend zu erwähnen ist an dieser Stelle definitiv die Außensohle! Nicht nur, dass sie auch heute noch keinerlei Verschleißerscheinungen aufweist - sie bietet auch ein gutes Maß an Grip und das sogar auf losen Untergründen, für welche der Hyperion Tempo von Haus aus eher nicht gedacht ist. Aber: es würde funktionieren - und mit dem Catamount steht mittlerweile auch ein DNA Flash-Trailschuh zur Verfügung! Nach diesen beiden Läufen, welche die komfortablen Aspekte des Hyperion Tempo aufgezeigt haben, war ich natürlich neugierig, ob er auch seinem Namen entsprechend Tempo machen kann. So ging es schließlich auf die Bahn: Tempoläufe, 8x1000m! Und um es an dieser Stelle abzukürzen: ich hatte in keinem Augenblick das Gefühl, einen reinrassigen Wettkampfschuh zu benötigen. Der Hyperion Tempo verändert mit steigender Geschwindigkeit sein Gesicht - das DNA Flash-Material scheint auf die höheren Belastungen mit einem strafferen Gefühl zu reagieren und so konnte ich meine Zeiten problemlos einhalten. Insgesamt scheint dies eines der größten Vorteile des Materials zu sein - es ist federleicht und kann dennoch beides: Komfort und Geschwindigkeit, immer so, wie man es gerade braucht. Im Vergleich zu vielen der zu Beginn genannten Konkurrenten fällt eines auf - während diese Schuhe häufig viele Eigenschaften kombinieren sollen, dabei aber nur eine so richtig gut umsetzen, fällt mir beim Hyperion Tempo auf Anhieb keine richtige Schwäche ein. Das wirft natürlich die Frage auf, für wen oder für welche Aufgaben dieser Schuh schließlich am besten geeignet ist.


Zielgrupp


Zielgruppe

Grundsätzlich sehe ich drei Zielgruppen, für die sich der Hyperion Tempo besonders empfiehlt:

  • Der ambitionierte Läufer, welcher einen leichten Trainingsschuh für die alltäglichen Dauerläufe sucht, dabei aber nicht die Unterstützung eines schwereren, klassischen Dauerlaufschuhs benötigt oder einfach das leichte Laufgefühl bei hohen Dauerlaufgeschwindigkeiten bevorzugt. Hier sollte natürlich ein neutraler Laufstil vorliegen!

  • Der normale Läufer, welcher einen Schuh für die Marathondistanz benötigt, für den ein reinrassiger Wettkampfschuh aber nicht in Frage kommt. Gerade für Athleten im Bereich von ca. 3:00 h im Marathon sehe ich hier großes Potential, da der Hyperion Tempo ihnen ermöglicht, einen leichten und schnellen Schuh zu laufen, ohne die Belastung eines Wettkampfschuhs riskieren zu müssen. In diesem Fall könnten auch leichte Überpronierer auf ihre Kosten kommen, da eine gewisse Stabilität vorhanden ist und der Großteil der Trainingskilometer in anderen Schuhen absolviert wird.

  • Der Läufer, welcher es sich leicht machen möchte und den perfekten All-In-One-Schuh sucht. Natürlich möchte ich an dieser Stelle darauf hinweisen, dass es immer zu empfehlen ist, zwischen verschiedenen Schuhe zu wechseln, um vorzeitige Materialermüdung und einseitige Belastungen zu verhindern - manchmal kann aber auch der eine Schuh praktisch sein, z.B. auf längeren Reisen. In so einem Fall kann der Hyperion Tempo für neutrale Läufer definitiv seine Stärken ausspielen.

 

Selbstverständlich ist hier immer auch die entsprechende Läuferin gemeint - aus Gründen der besseren Lesbarkeit wurde die männliche Form verwendet.


Fazit


Fazit

Als Abschluss meines Testberichts möchte ich zunächst die einzigen beiden Kritikpunkte aufzählen. Zunächst einmal empfinde ich die Einlegesohle als sehr dünn - dies ist nicht wirklich tragisch, da die Mittelsohle ausreichend Komfort bietet, kann aber beim Tragen orthopädischer Einlagen nachteilig sein. Da durch die Herausnahme der dünnen Originalsohle nur wenig Platz entsteht, steht auch nur wenig Platz für die orthopädische Einlage zur Verfügung. Hier wird die Passform also eventuell etwas sehr eng, was zu Schwierigkeiten bei der Wahl der richtigen Schuhgröße führen kann. Ein weiterer Kritikpunkt, welcher sich aber wahrscheinlich im Winter bereits erübrigt, betrifft das Obermaterial. Gerade jetzt im Sommer habe ich dieses leider als sehr warm empfunden, was auch durch das Tragen sehr dünner Laufsocken nicht wirklich besser wurde. Abgesehen von diesen kleinen Fehlern bleibt mir von diesem Test aber vor allem eines im Kopf: Brooks scheint in letzter Zeit so einiges richtig zu machen! Das neue DNA Flash-Material ist ein großer Schritt nach vorne und somit wird der Hyperion Tempo zu einem der vielseitigsten Schuhe der letzten Jahre! Ich habe ihn über alle Geschwindigkeitsbereiche hinweg getestet: von lockeren Läufen und 5:00 min/km bis hin zu meinen Tempoläufen und 3:00 min/km. Ich habe ihn ohne Einlaufen aus dem Karton genommen und bin 15 km gelaufen. Am Ende habe ich ihn sogar abseits seines normalen Einsatzbereiches durch den Wald geführt. Und am Ende weiß ich nicht, welcher Aspekt für mich persönlich nun beeindruckender ist - dass er all dies ohne wirkliche Schwächen mitgemacht hat, oder dass er bis heute keinerlei Abnutzungserscheinungen zeigt. Als abschließendes Fazit möchte ich daher nur eines sagen: Brooks liefert mit dem Hyperion Tempo einen zuverlässigen Trainingspartner für beinahe alle läuferischen Lebenslagen. Natürlich liegt sein Fokus auf den höheren Geschwindigkeiten - ohne dabei jedoch wichtige Aspekte wie Komfort oder Langlebigkeit aus den Augen zu verlieren. Und an dieser Stelle bin ich mir sicher, dass mein nächster Brooks nicht so lange auf sich warten lässt!