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Köln Marathon - Erfahrungsbericht

Es muss nicht immer Berlin sein – Erfahrungsbericht Köln Marathon

Wenn ihr wie ich auch erst im Jahresverlauf entscheidet, ob und wo ihr einen Herbstmarathon lauft, dann könnte der Köln Marathon eine sehr gute Wahl sein. Dieses Jahr findet der lauf am 13. Oktober statt und Stand heute (Anfang September) sind auch noch Startplätze verfügbar.

Die Teilnehmerzahl in Köln (4.800 in 2018) ist ideal für Läufer zwischen 3 und 4 Stunden. Es ist nie so voll (wie z.B. in Berlin), dass man nicht frei laufen kann, aber man hat immer genügend Mitläufer um sich herum.

Außerdem mag der Kölner ja an sich Karnevalsumzüge und stellt sich dann jubelnd an die Straße. Und da ein Marathon sehr ähnlich ist – verkleidete Menschen laufen freiwillig stundenlang durch die Straßen – stellt sich halb Köln an die Strecke und jubelt!

Wie man an den Streckenrekorden sehen kann, ist die Strecke durchaus schnell, und durch den sternförmigen Streckenverlauf ist es auch für Freunde und Familie sehr einfach, aller paar Kilometer zur mentalen Unterstützung an der Strecke zu stehen.  

Sieger 2018

•          Männer:         Tobias Blum in 2:16:57     

•          Frauen:          Rebecca Robisch in 2:46:03 

Streckenrekorde

•          Männer:         2:07:37, gelaufen 2004 von Alfred Kering

•          Frauen:          2:24:34, gelaufen 2012 von Helena Kirop

Organisation

Die Organisation ist reibungslos und professionell, mit allem was zu einem Stadtmarathon dazu gehört (Kleiderbeuteltransport, Verpflegung, Chipzeitmessung usw.).  

Besonders gut hat mir der Blockstart gefallen. Selbst wenn man im letzten Startblock steht, kann man schon nach wenigen Minuten frei Laufen. Das finde ich persönlich sehr wichtig, denn ich will ja mein eigenes Tempo laufen.    

Aber wie läuft es sich denn in Köln?

Mein letzter Start in Köln liegt nun auch schon 2,5 Jahre zurück, aber um euch den Köln Marathon etwas schmackhaft zu machen, habe ich einen zugegebenermaßen sehr persönlichen Eventbericht geschrieben. Außerdem stimme ich mich damit auch auf meinen eigenen Start in 2019 ein, denn ich laufe wieder in Köln – allerdings nur den Halbmarathon.

Köln Marathon 2016 - da stand ich nun alleine am Start und hatte keine Mitstreiter als Motivation oder Ausrede, da meine beiden Mitläufer von 2015, Dirk und Richard, verletzungsbedingt abgesagt hatten.

Letztes Jahr war alles noch Spaß, ich hatte beide begleitet und Dirk auf 3:50 Std. gezogen, aber dieses Jahr hatte ich richtig trainiert und natürlich hatte ich eine andere Erwartungshaltung.

In Vorfeld war ich 42min über 10km gelaufen und grob ließe sich das in 3:20 Std. für den Marathon übersetzen. Aber da meine Trainingsintensitäten am 3:30 Plan orientiert waren – eher noch einen Tick langsamer – erschien mir das viel zu ambitioniert.

3:35 Stunden waren also das erklärte Ziel, aber war das nicht auch schleichender Realitätsverlust? Letztes Jahr 3:51, zugegebenermaßen nach sehr lückenhaftem Training, aber jetzt 3:35?

Ich stand direkt hinter den 3:30 Zugläufern und spielte kurz mit dem Gedanken, mich doch an diese Gruppe zu hängen, aber dann ging es los und wie erwartet ist die 3:30 Gruppe zügig von mir weggelaufen, für meinen Geschmack allerdings etwas zu deutlich. Meine Uhr hat aber einen glatten 5er Schnitt angezeigt, sollten die doch machen was sie wollen.

Die ersten Kilometer der Strecke gehen über die Deutzer Brücke und dann Richtung Süden am Rhein entlang, bevor man wieder Richtung Innenstadt läuft und in der Severinsstraße den ersten Eindruck von der Kölner Stimmung bekommt.

Am Neumarkt passierte ich die 10km trotzdem in glatten 50 Minuten, aber es fühlte sich nicht so leicht an wie erhofft, jetzt war es nur zu spät für solche Einsichten. Meine persönliche Crew (Britta und Dirk) standen am vereinbarten Punkt mit einer Trinkflasche und moralischer Unterstützung. Statt mir an einer Station einen Becher zu holen, den man ganz schlecht beim Laufen trinken kann (weswegen einem dann die Mitläufer direkt vor den Füßen stehen bleiben), hatte ich meine persönliche Flasche, die ich während des nächsten Kilometers trinken konnte, ohne langsamer zu werden.

Bei Kilometer 15 lief ich um die Ecke bei der Universität und konnte es kaum glauben, da lief auf einmal die 3:30 Gruppe direkt vor mir - sehr gut. Spätestens jetzt war aus dem Ziel 3:35 innerlich eine 3:30 geworden – und wenn es nicht klappt wüsste es ja keiner und ich würde immer noch die 3:35 schaffen!

Ich habe mich neben der Gruppe einsortiert, damit mir nicht dauernd die Ballons ins Sichtfeld flattern. Das Laufen in einer Gruppe war noch nie so meins, und auch hier war es nicht anders, aber was sollte ich machen? Abreißen lassen – freiwillig auf keinen Fall, nach vorne weglaufen – ich bin ja nicht wahnsinnig. Bei Kilometer 24 hat mir meine Crew wieder eine Flasche gereicht und alles lief noch rund, die Jungs und Mädels in der Gruppe sahen auch nicht frischer aus als ich – also dranbleiben.

Bei Kilometer 25 war wieder eine Getränkestation und ich weiß nicht, ob das so abgesprochen war, aber die Gruppe wurde kollektiv langsamer, offensichtlich um zu trinken. Bauchentscheidung in Sekundenbruchteilen „ich bleibe jetzt nicht aus Solidarität stehen“, mein Kopf meldete sich leicht zeitverzögert „bist Du bescheuert, bei Kilometer 37 werden sie grinsend an dir vorbeilaufen“.

Bei km 27 standen Britta und Dirk zum vorletzten Mal an der Strecke, jetzt war langsam auch die mentale Unterstützung wichtiger als die Trinkflasche. Hier beginnt der schwierige Teil der Strecke, raus nach Nippes und Niehl und dann die lange Amsterdamer Straße geradeaus bis Kilometer 37 (da waren mir 2015 die Beine weich geworden), da würden auch Britta und Dirk erst wieder an der Strecke sein.

Falls ihr jemals in Köln lauft, macht euch mental auf dieses Stück gefasst. Es ist wirklich öde, aber spätestens an den Ringen dann folgt die Belohnung.

Aber noch es lief rund und ohne die Gruppe wurde ich schneller, nicht langsamer. Ich pendelte mich auf ein Tempo von 4:45 – 4:50 pro Kilometer ein, begleitet von gemischten Gefühlen. Einerseits rollte es besser als auf den ersten 25 Kilometern, andererseits hatte ich das mulmige Gefühl, dass ich später dafür bezahlen würde. 

Bei Kilometer 34 kam dann ein Stück, wo ich die Läuferschlange hinter mir auf der anderen Straßenseite sehen konnte – zu meiner Überraschung lag die 3:30 Gruppe schon weit zurück, die würden mich nicht mehr kriegen. Kurze Zeit später lief auf einmal ein junger Läufer zu mir auf und fragte mich, was für eine Zeit ich denn anpeilen würde, er hätte mich von hinten gesehen und gemerkt „dass da einer läuft, der weiß was er macht“ - hoffentlich hatte er recht.

Aber das Gespräch hat die sonst sehr öde lange Gerade der Amsterdamer Straße kurzweilig gemacht und wir haben gegenseitig versucht, das Tempo zu halten. Hinter Kilometer 36 ging es die kurze fiese Rampe zu der Rheinbrücke hoch, wo ich letztes Jahr am liebsten gegangen wäre, aber auch das ging ganz ok und die Aussicht auf meine Crew und etwas zu trinken hat mich bei der Stange gehalten.

Und da standen sie dann, Britta und Dirk mit der Flasche und der Frage „wie läuft es“. Konnten die nicht sehen, dass ich saugut unterwegs war? Konnten sie nicht, auf einem Foto sah ich da zugegebenermaßen etwas angefasst aus – aber was soll‘s, schnell mit optischen Mängeln war ok. Außerdem wusste ich da schon, dass nichts mehr schief gehen würde, ich war zwar müde aber nicht langsamer geworden, und an den Ringen standen wieder die genialen Kölner Zuschauer.

Ich bog auf die Kölner Ringe ab und es war wie erwartet toll, wahrscheinlich kann man hier gar nicht aussteigen, weil einen die Zuschauer nicht von der Strecke lassen würden. Meine einzige Sorge war, dass ich hier letztes Jahr von heftigen Krämpfen geplagt wurde, das war extrem unangenehm gewesen, wie ein Lauf auf der Rasierklinge. Aber ich war immer noch mit 4:45 – 4:50min pro Kilometer unterwegs und hatte nicht die Absicht, den Lauf noch zu vergeigen, ganz im Gegenteil.

Ich wusste, dass ich die 3:30 Stunden im Sack hatte, aber ich erinnere mich noch genau an meine Gedanken, als ich andere Läufer gesehen habe, die schon weit vor dem Ziel ins Publikum gewunken haben - „lauf du Sack, jubeln kannst du noch im Ziel“. Mein Gesichtsausdruck war dann auch entsprechend verkrampft.

Und dann lief ich endlich durch die Fußgängerzone, links zum WDR, dann gleich wieder rechts, das Ziel ist noch nicht zu sehen, obwohl es nur noch ein paar hundert Meter waren, dann links und da war es - das Ziel, wow!! 

Die Bruttozeit war 3:31 plus Kleingeld, sodass meine Crew und Freunde (die den Lauf im Livestream gesehen haben) dachten, dass ich mein Ziel von 3:35 erreicht und fast noch die 3:30 geknackt hätte. Es waren dann sogar 3:27:28 netto mit einer schnelleren zweiten Hälfte.

Im Ziel wollte ich mich auf einen Bordstein setzen, aber ich habe sofort gemerkt, dass ich nie wieder hochkommen würde. Also habe ich mit einem tiefen Glücksgefühl nach einer Bank gesucht und mich erst einmal hingesetzt. Irgendwann setzte sich ein jüngerer Läufer neben mich und ist in Tränen ausgebrochen. Dann erzählte er mir, wie glücklich er sei ins Ziel gekommen zu sein und wie schön es sein, mit jemandem zu reden – ich hatte allerdings nicht die Gelegenheit, auch nur ein Wort zu sagen - und das war auch gut so.