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Faszination Ultra Teil 1

In den letzten Jahren erlebt das Laufen über Ultradistanzen auch in Deutschland einen enormen Boom. Ständig kommen neue Laufevents hinzu. Sportartikelhersteller erweitern ihr Portfolio. Doch wieso? Was ist das überhaupt, Ultra? Was erwartet mich nach 42,195 Kilometern? Worin liegt die Faszination Ultra? Und was ist das Besondere an dieser Community? Oder ist es nur ein Haufen Verrückter!? Ich habe vor einigen Jahren einen Blick hinter den Ultravorhang geworfen und habe mich in die langen Distanzen verliebt. Warum, erfahrt Ihr hier.


Was ist Ultralaufen überhaupt?

Die Ultradistanz beginnt dort wo die Marathondistanz endet. Doch so ganz einfach ist es nicht. Das Ende eines Marathons beschreibt den Beginn eines Ultras. Ab hier geht es los. Nach oben hin gibt es keine Grenzen. Ultralaufen bedeutet demnach endlos zu laufen. Und auch hier ist es nicht ganz so einfach. Selbst Forrest Gump – der wohl bekannteste aller Ultraläufer – ist nicht endlos gelaufen. Ultralaufen ist vielschichtig. Die Spielarten des Ultralaufens sind vielfältig: 6, 12 oder 24 Stundenläufe, 100 Runden, 100 Kilometer oder 100 Meilen. Auf der Straße, auf der Bahn, über Berge oder um Berge herum, in Hinterhöfen, durch Wüsten, bei Tag, bei Nacht. Die Distanzen, Orte und Gegebenheiten lassen sich beliebig variieren. Ultralaufen ist mehr als endloses Laufen.


Start



Ein Lauferlebnis der Ultraklasse

Wenn es nicht gerade ein 12 Stundenlauf in einem Sportstadion ist oder es sich um einen öden Rundkurs handelt, dann werden wir Ultraläufer mit vielen landschaftlichen Eindrücken und Erlebnissen belohnt. Vorbei an grauen Riesen aus Stein, entlang glasklarer Seen oder sprudelnder Bäche. Über Bergkämme und Passagen aus Schnee und Eis, entlang staubiger Pisten und durch dunkle Wälder hindurch. Die Sonne im Gesicht. Wenn es auch einmal regnet, stürmt oder schneit, es kalt und dunkel ist, sich das Blickfeld auf den Lichtkegel der eigenen Stirnlampe beschränkt, fühlt man sich auf den vielen Kilometern als Teil der Natur. Man taucht ein in eine fantastische Welt und wird erst wieder nach der Ziellinie von ihr ausgespuckt.



Erlaufene Zeit

Bis man jedoch die Ziellinie erreicht, vergeht eine gewisse Zeit. Je nach Streckenlänge und Streckenbeschaffenheit sowie dem eigenen Laufvermögen sind es mehrere Stunden oder gar Tage. Die Zeit – so meine Erfahrung – verschwimmt auf der Ultradistanz. Sie drängt sich nicht so sehr in den Vordergrund. Für den Großteil des Starterfeldes eines organisierten Ultralaufes sind allein die Cut-Off-Zeiten an den einzelnen Verpflegungsstationen von Relevanz: schaffe ich es im angegebenen Zeitlimit zur nächsten Station? Wie lang kann ich dort Pause machen? Reicht es sogar für ein Nickerchen? Oder heißt es: Wasser auffüllen, Verpflegung hamstern und weiter?

Was zählt, ist das Erlebnis, die intensiven Erfahrungen, die Zeit draußen mit sich allein und den anderen Verrückten.


Lauferlebnis


Auf Du und Du mit den Großen dieses Sports

Jurek, Wamsley, Forsberg, Jornet, Reiter, Bartholomew, Namberger, Hawker, Capell, Neuschwander und wie sie alle heißen. Die Stars der Ultraszene. Nahbare Lichtgestalten einer Laufcommunity, die kaum vielfältiger und offener sein könnte. Die Gemeinschaft der Ultraläufer erinnert mich ein wenig an die Gemeinschaft der Telemarker, den Skiläufern mit dem eleganten Knicks. Beiden ist gemein, dass sie ein bisschen verrückt, eine bisschen anders sind, sich dabei aber nicht zu wichtig nehmen. Man sieht, man trifft und kennt sich. Man kommt leicht ins Gespräch. Trinkt ein Bier im Ziel. Macht ein Selfie. Der Hobbyläufer gratuliert dem Profi und dieser zollt jenem Respekt für die erbrachte Leistung. Man steht gemeinsam an einer Start- und überquert die selbe Ziellinie. Man teilt die gleiche Begeisterung. Man lebt die gleiche Faszination.


Von Körper und Geist

Jeder der einen Marathon gelaufen ist, kann im Prinzip einen Ultralauf meistern. Wer 42 Kilometer schafft, kann bestimmt noch 8 Kilometer dranhängen. So hat er einen 50er im Sack und kann sich mit Recht Ultraläufer nennen. Selbstverständlich bedarf es einer soliden Vorbereitung. Eine gewisse Lauferfahrung und eine angemessene physische Grundverfassung sollten ebenfalls vorhanden sein. Denn die körperliche Belastung bei einem Lauf jenseits der Marathondistanz ist ordentlich. Logisch.

Mehr noch: die richtige mentale Grundeinstellung ist entscheidend. Man muss es sich zunächst einmal vorstellen wollen. Ja, ich schaffe so eine Distanz. Ich habe 100 km in den Beinen. Oder 50 oder 64 oder … Wer schon einmal bei einer 24h Wanderung teilgenommen hat oder bei einem Megamarsch dabei war, kann sich die zu erwartende Belastung vorstellen. Und ja: bei Ultraläufen gerade in den Bergen wird auch viel marschiert, gepowerhiked oder speedgewalked.


Laufstrecke


Die reine Vorstellungskraft reicht sicherlich nicht aus, die Strapazen eines Ultras zu meistern. Die Fähigkeit und der Wille zu leiden, Schmerzen anzunehmen, sich in die in der Ultraszene verbreitete, ominöse „Pain Cave“ zu begeben und – so das Ziel – gestärkt aus diesem „Tal der Schmerzen“ wieder herauszukommen, das ist einer der faszinierenden Aspekte des Ultralaufens.

Mit dem Startschuss steht fest, dass das „Tal der Schmerzen“ an diesem Tag durschritten werden muss. Von jedem. Hobbyläufer oder Profi. Diese Tatsache muss man akzeptieren. Man muss sich darauf vorbereiten. Nicht nur körperlich. Vor allem geistig. Ein bestimmtes Lied, das man hört oder summt, wenn es soweit ist. Ein Mantra, das einem Kraft gibt. Die strahlende Gürtelschnalle, die im Ziel wartet. Ja, Gürtelschnalle – Buckle. Eine besondere Art der Finisher-Medaille, speziell in den USA.

Dieser Moment also, wenn der eigene Wille die eigenen körperlichen Grenzen verschoben hat, wenn die Gürtelschnalle greifbar wird, dieser Moment beeindruckt mich jedes Mal aufs Neue. Und ja – ich fluche auch jedes Mal aufs Neue, frage mich nach dem wieso und warum und überhaupt. Doch mitzuerleben wie ich dieses „Tal der Schmerzen“ durchschreite, ist wahrlich faszinierend und dieser zutiefst persönliche Erfolg ist aller Mühen wert.

Und so halte ich es mit Emil Zatopek: „Wenn du laufen willst, lauf eine Meile. Wenn du ein neues Leben kennenlernen willst, dann lauf einen Marathon“ – wenn du zu dir selbst finden willst, laufe einen Ultra!


Fortsetzung folgt


Fortsetzung folgt

In einem zweiten Teil erfahrt Ihr mehr, nicht nur zur richtigen Ausrüstung. Es gibt einige Tipps zur grundlegenden Vorbereitung, Trainingselementen und -einheiten. Lohnt sich ein professioneller Trainingsplan? Welche Rennen gibt es? Klein aber fein oder doch einer der großen Klassiker?

Bis dahin: geht raus, lauft und habt Spaß!