+4972313740070

Mein "Carbon-Journey"

Meine persönlichen Erfahrungen mit modernen Wettkampfschuhen

Eines vorweg, bevor ich auf das eigentliche Thema komme - nämlich meine persönlichen Erfahrungen mit modernen Wettkampfschuhen: dieser Beitrag soll kein Vergleichstest o.ä. sein - wer sich hierfür interessiert, findet in den Blogbeiträgen von Shop4runners hervorragende Informationen (u.a. >> Carbon-Racer-Vergleich <<).  

Ich möchte meine subjektiven Erfahrungen der letzten Jahre teilen und erzählen warum moderne Wettkampfschuhe für eine breitere Gruppe von Läufer*innen geeignet sind als noch vor einigen Jahren. Hoffentlich können einige von Euch davon bei der Auswahl oder Entscheidung bzgl. Carbon-Rennern profitieren.

Ich bin 55 Jahre alt und war in einem früheren Leben als Bahnläufer und bis zur Marathondistanz unterwegs. Inzwischen laufe ich noch zwischen 41 und 42 Minuten über die 10 Kilometer und 1:30 bis 1:35 über Halbmarathon. Mit 70kg bei 1,85 Körpergröße konnte ich mein Gewicht in guten Grenzen halten, aber als Fersenläufer mit leichten Stabilitätsschwächen (das ist leider eine typische Alterserscheinung) war ich eigentlich der Überzeugung, dass ich sowohl zu alt als auch zu langsam für Wettkampfschuhe sei, als ich 2015 nach 20 Jahren reinem Jogging mal wieder ein paar Rennen gelaufen bin

2016 bin ich meinen letzten Marathon in Lightweight Trainern gelaufen, aber dann habe ich festgestellt, dass es auch schnelle Schuhe gab, die nicht bretthart waren. So bin ich dann auf den Nike Lunartempo umgestiegen (toller Schuh damals) und für kürzere Strecken sogar einen Adidas Adios Boost 3 gelaufen.

Dann gab es auf einmal einen ziemlichen Hype um Nikes Breaking 2 Projekt, welches ich anfangs für einen reinen Publicitygag gehalten habe. Ziel war es, in einem perfekt geplanten Lauf (z.B. kontinuierlicher Windschutz, Fahrzeug mit Zieltempo usw.) auf der Formel 1 Rennstrecke in Monza eine Zeit von 2 Stunden über die Marathondistanz zu unterbieten. Doch es schien eher ein Marketingevent zu sein, um Nikes neues Schuhmodell Vaporfly 4% zu promoten. Und die Amerikaner waren nicht bescheiden, sie haben die 4% Leistungssteigerung offen und aggressiv kommuniziert.

Nike hatte schon Anfang der 80er Jahre den Wettkampfschuh Mariah mit einer Leistungssteigerung von 2% beworben und es war damals eher Marketing als Realität gewesen. Jetzt waren es halt 4% - so what…

Trotzdem bin ich in dem Mariah damals einige Bestzeiten gelaufen und war von der Dämpfung begeistert, denn nach langen Straßenwettkämpfen in den üblichen „Brettern“ hatten sich meine Beine immer angefühlt wie geprügelt. 

Als ich dann aber im Mai 2017 auf einer Dienstreise in die USA abends im Hotel saß und den Lauf von Eliud Kipchoge in Monza verfolgt habe, war ich absolut fasziniert. Während in den Medien von dem Fehlschlag berichtet wurde, empfand ich diesen Lauf von 2:00:25 Stunden als Quantensprung - was vorher utopisch erschien, war jetzt nur noch 25 Sekunden entfernt.

Interessant dabei war, dass die kontroverse Diskussion erst begann, nachdem Nike seine sehr professionelle Marketingkampagne begonnen hat. Die gleiche Technologie war schon weit vorher im Einsatz, nur etwas versteckt – Nike hatte nämlich die neue Mittelsohle mit Carbonplatte schon heimlich unter normale Serienschuhe geklebt. In diesen Schuhen wurden schon 2016 die US-Olympiaausscheidungen, der London Marathon und zumindest bei den Männern alle Medaillen im olympischen Marathon in Rio gewonnen – nur hat noch niemand darüber geredet.

Nachdem sich dann gezeigt hatte, dass in den neuen Schuhen massenweise Spitzenleistungen abgeliefert wurden, hat sich die Meinung schnell um 180 Grad gedreht von „Unsinn, reines Marketing“ zu „Das ist Schuhdoping“. Allerdings wurde dabei vergessen, dass ein paar Jahre vorher fast alle Rekorde in Adidas Adios Boost Schuhen gelaufen wurden und Haile Gebrselassie hatte schon 2008 bei seinem Rekordlauf in 2:03:59 Stunden in Berlin – man darf einmal raten – einen Adidas Prototyp mit Carbonplatte an den Füßen.

Die „Zutaten“ für schnelle Wettkampfschuhe waren also schon bekannt (bessere Dämpfung, Inlays in der Mittelsohle), aber Nike hat diese Elemente offensichtlich in einer sehr schlauen Weise kombiniert. Ich fand es überraschend, dass die eigentliche Funktionsweise dieser Schuhe nicht ganz klar war und dass es definitiv nicht ein „Sprungfederprinzip“ durch die Carbonplatte ist, welches die bessere biomechanische Effizienz erklärt. Ein sehr interessanter Artikel mit einigen Links zu den frühen Testergebnissen findet sich hier

Der Schlüssel zur Leistungssteigerung scheint die Kombination aus dem Mittelsohlenmaterial mit extrem hoher Energierückführung, der Einfluss der gebogenen Carbonplatte auf die Biomechanik (Stabilisierung von Zehen und Sprunggelenk) und die muskuläre Schonung durch die starke Dämpfung zu sein. Und es scheint „Responder“ zu geben, d.h. Läufer die spürbar von diesen Schuhen profitieren und aber auch welche, bei denen kaum ein positiver Effekt festzustellen ist.

Und da ich wie viele Läufer ein Faible für Laufschuhe habe, startete ich die Suche nach den sagenumwobenen Nike Vaporflys. Allerdings war es unmöglich, diese „Wunderschuhe“ zu kaufen. Bevor ich dann Ende 2018 ein paar Nike Vaporfly 4% Flyknit ergattert habe, war ich schon etliche Kilometer in dem Trainingspendant, dem Nike Zoom Fly gelaufen. Dieses Modell hatte zwar nur eine Nylonplatte in der Sohle und ein konventionelles Mittelsohlenmaterial, aber eine sehr ähnliche Geometrie mit dem inzwischen üblichen „Rocker“ Design.


Vaporfly 4% Flyknit


Bei meinen ersten Tempoläufen hat sich gleich gezeigt, dass der Vaporfly 4% für mich funktioniert. Damit meine ich weniger eine Leistungssteigerung, sondern die Tatsache, dass die Kombination aus Dämpfung und Dynamik einfach zu meinem Laufstil passte. Mein ausführlicher Erfahrungsbericht findet sich hier.

Ich bin in dem Vaporfly 4% Flyknit insgesamt fast 400 Kilometer gelaufen und bis auf einige wenige Ausnahmen (z.B. kurvige Strecken oder schräge Straßen) sehr gut mit diesem Modell zurecht-gekommen. Die relativ hohe Sprengung von 10mm empfand ich als sehr angenehm, denn als Fersenläufer sinke ich beim Auftreten doch recht stark in die Mittelsohle ein. Das Flyknit Obermaterial bietet m.E. eine unerreichte Passform und einen erstaunlich guten Halt.    

2019 brachte Nike dann schon das Nachfolgemodell heraus und Ende des Jahres habe ich mir dann einen Vaporfly Next % gegönnt. 


Vaporfly Next %


Anfangs habe ich etwas mit dem Obermaterial und Design gehadert, aber man gewöhnt sich an alles. Ich war etwas überrascht, dass sich der Vaporfly Next % doch anders läuft als sein Vorgänger, vor allem durch die 4mm dickere Mittelsohle im Vorfuß, wodurch die Sprengung etwas niedriger geworden ist. Das Gefühl, auf einer dicken Dämpfungsschicht abzurollen, ist noch ausgeprägter geworden. Durch Corona bin ich in dem Next % nur wenige Wettkämpfe gelaufen, einige richtig gut und ein paar auch lausig. Lerneffekt war, dass die „Wunderschuhe“ an einem schlechten Tag auch nichts nützen und dass man bei (wenn auch nur recht kurzen) unebenen Waldwegen die Finger von Vaporflys lassen sollte. Aber ich habe dieses Jahr bei einem 5km solo - Time Trial an den 20min gekratzt - nicht so schlecht.

Im Sommer habe ich mir dann einen Saucony Endorphin Pro angeschafft (Corona-Ablenkung), als etwas stabilere und universellere Alternative zum Vaporfly Next %.


Endorphin Pro


Und ich wurde nicht enttäuscht: die Außensohle hat etwas mehr Profil, so dass abseits von Asphalt nicht gleich das große Rutschen anfängt und subjektiv ist der Endorphin Pro etwas gutmütiger und stabiler. Allerdings muss ich zugeben, dass mir der „Wow – Effekt“ bei diesem Schuh gefehlt hat. Aber er ist super für Tempodauerläufe und erstaunlich langlebig.

Ende 2020 bin ich eher durch Zufall über ein gutes Angebot für den Adidas Adizero Pro gestolpert, doch es war schnell klar, dass dieser Schuh nicht in der Vaporfly Liga spielt.

Aber es war trotzdem kein Fehlkauf. Ich habe in keinem anderen Schuh während der kalten Jahreszeit mehr Tempoläufe absolviert. Die Carbonplatte ist wesentlich flexibler als bei den anderen Modellen (man kann den Schuh ohne viel Kraft biegen), aber sie macht den Schuh in Kombination mit dem Lightstrike Material sehr stabil. Kombiniert mit der profilierten und haltbaren Außensohle mach das den Adizero Pro zu einem Spitzenschuh für schnelle Trainingsläufe, auch mal über Waldwege.


Adizero Pro


Meine absolute Überraschung folgte dann mit dem Adidas Adizero Adios Pro, obwohl ich sehr geringe Erwartungen hatte aufgrund der kursierenden Reviews. Als die Gelegenheit kam, habe ich auf „Kaufen“ geklickt und sofort gedacht „Vollidiot – du hat doch genug schnelle Schuhe“. Aber ich habe schon während des ersten Laufs gedacht „das ist es“. Bei meinem Laufstil rollt dieser Schuh einfach, im besten Sinne des Wortes. Wegen der hohen schmalen Mittelsohle hatte ich eigentlich befürchtet, dass ich Stabilitätsprobleme bekomme. Aber durch die starke Abschrägung im äußeren Fersenbereich (die die Hebelkräfte kompensiert) und den sehr stabilen Vorfußbereich habe ich in dem Adios Pro überhaupt keine Stabilitätsprobleme. Ich habe mir sogar noch ein zweites Paar gekauft, wer weiß, ob der Nachfolger besser wird. 

Zwei weitere Modelle habe ich zwischendurch ausprobiert und wieder zurückgeschickt, und zwar nicht, weil es schlechte Schuhe sind (es wäre etwas vermessen den sub2 – Schuh schlecht zu nennen), sondern weil sie nicht zu meinem individuellen Laufstil gepasst haben.

Jetzt stellt sich natürlich die Frage „was macht der Kerl mit diesen ganzen Wettkampfschuhen?“. Es gibt zwei Modelle, die ich bei Wettkämpfen oder Time Trials einsetze, den Nike Vaporfly Next % und den Adidas Adizero Adios Pro. Den Adidas Adizero Pro verwende ich primär bei Tempowechselläufen (z.B. 6 x 1km schnell / 1km ruhig). Den Saucony Endorphin Pro bin ich vergleichsweise wenig gelaufen, aber es wird meine Option für längere Einheiten im Marathonrenntempo.

Sehr interessant finde ich die Entwicklung, dass einige Firmen die erfolgreichen Designaspekte ihrer Wettkampfschuhe auch in Lightweight Trainer einfließen lassen, Beispiele sind der New Balance Fuelcell TC oder auch der Saucony Endorphin Speed. Diese sind in der Regel etwas günstiger und vielseitiger und eignen sich auch hervorragend für Wettkampfe, wenn man bei den reinrassigen Carbonrennern nicht das richtige findet.

Nachdem die Vorteile dieser Schuhtechnologie inzwischen anerkannt sind und fast alle Firmen ein eigenes Modell im Programm haben, stellt sich natürlich die Frage, wie es weitergeht. Ist das jetzt das Ende der Fahnenstange oder muss sich der ernsthafte Läufer jedes Jahr neue Wettkampfschuhe kaufen, um mithalten zu können?

Ich persönlich glaube, dass durch die Beschränkung auf eine maximale Sohlenhöhe auf 40mm und nur eine Platte in der Mittelsohle die weiteren Fortschritte geringer ausfallen werden, aber es gibt trotzdem interessante Entwicklungen. Asics z.B. verfolgt einen Ansatz mit zwei unterschiedlichen Modellen, dem Metaspeed Sky für „Stride Runner“ (Läufer, die eine höhere Geschwindigkeit über die Steigerung der Schrittlänge erzielen) und dem Metaspeed Edge für „Cadence Runner“ (Läufer, die eine höhere Geschwindigkeit über die Steigerung der Schrittfrequenz erzielen). Ich habe mir meine Daten mal angeschaut und bin eindeutig ein „Stride Runner“, denn zwischen regenerativem Dauerlauf und 5km Renntempo steigere ich meine Schrittlänge um 24%, die Frequenz aber nur um 6%. Mal sehen wo das hinführt…


Carbon Racer


Mein persönliches Fazit als (ambitionierter) Hobbyläufer:

Moderne Wettkampfschuhe machen Spaß! Sie geben Dir am Wettkampftag den richtigen mentalen und schuhtechnischen Kick – Du stehst am Start und alles passt!
Es gibt nicht DEN besten Wettkampfschuh! Aber es gibt den passenden Carbonrenner für die meisten Läufer*innen unter uns, auch wenn wir nicht vorne mitlaufen. Aber Achtung - der Vorteil ist schnell dahin, wenn Kraft und Form nachlassen und die Stabilität nicht ausreicht.
Erwarte keine Wunder! Die Anekdoten, dass jemand auf einmal 20 Sekunden pro Kilometer schneller läuft, halte ich nicht für realistisch. Ich teile die Einschätzung, dass diese Schuhe für 2-3 Sekunden Verbesserung pro Kilometer gut sind – aber das ist ja auch schon etwas.
Lauf nicht jeden Tag in Carbonrennern! Diese Schuhe greifen in Deine Biomechanik ein und das sollte nur dosiert stattfinden, z.B. bei schnellen Trainingseinheiten.
Laufen statt Schuhsuche! Zitat meines alten Trainers „mach mal lieber ein paar hastige Schritte als über Schuhe nachzudenken“!